Repräsentation des aktuellen offiziellen deutschen Radverkehrsnetzes (nach den Vorgaben der FGSV) in OSM

Wie ich immer wieder angekündigt, und doch vor mir her geschoben habe, eröffne ich hier einen neuen Thread für die etwas größere Thematik.

Da das Thema wie beim Kampf gegen die Hydra immer wieder dazu neigt, uferlos sowohl in Grundsatzfragen als auch regionale Detailfragen zu entgleiten, möchte ich folgenden Rahmen abstecken:

Es geht hier zunächst nur um die Situation für das deutsche Radverkehrsnetz, das inzwischen einigermaßen flächendeckend nach einem bestimmten Schema eingesetzt wird. Bei der ausgeprägten Regionalisierung, die Deutschland historisch aufweist, habe ich keine Bundesweit einheitliche Grundlage gefunden, exemplarisch ist aber z.B. die nordrhein-westfälische Beschreibung des Ausschilderungssystems auf der offiziellen Seite des NRW-Verkehrsministeriums zum Radverkehrsnetz recht nützlich.

Nach äußerst mühsamen Diskussionen in internationalen Foren, in denen das System nicht bekannt war, und teilweise auch das Ausschilderungssystem kritisch hinterfragt wurde, bitte ich hier darum, sich im Zweifel vor der Diskussion die Hinweise zur Ausschilderung durchzulesen.

In Kurzfassung lautet der Plan der Verkehrsministerien zur Radwegweisung (als verbindlicher Erlass 2004 beschlossen):

Es soll ein Fahrradnetzwerk aufgebaut werden, das

  • obligat mit mindestens jeder Aufzweigung (“Knoten” im weiteren Sinne) eine Zielwegweisung aufweist, die eine kontinuierliche Wegführung zu den angegebenen Zielen ermöglicht.

  • Themenrouten durch zusätzliche Routeneinschübe an den Zielwegweisern ausweist, also in das zielorientierte Netz integriert.

  • Präzisierung der genauen Route erfolgt durch Zwischenwegweiser ohne Zielangaben.

  • Es gibt innerhalb dieses Netzwerkes spezielle Sonderformen von Routen, die aber auch nur wie die Themenrouten die Zielwegweisung ergänzen: Knotenpunktnetzwerke mit nummerierten Knotenpunkten (Besonderheit: Routeneinschübe mit Zahlen sind in Wirklichkeit Zielangaben, logische Repräsentation in OSM als durch je 2 Zahlen benannte Routen); Radschnellwege (Besonderheit: Kilometrierung in der Ausschilderung, ansonsten ausschilderungstechnisch wie benannte Routen).

Die grundlegende ungeklärte Frage ist, wie man dieses - letztlich nationale - Netzwerk in OSM abbilden kann.

Es gibt hierzu auch eine tendenziell konvergierende Mappingpraxis in Deutschland, die aber weiter sehr kontrovers diskutiert wird, und auch viele Fragen offen läßt.

Einigermaßen einheitlich findet sich in Deutschland folgender Umgang mit dem offiziellen Radnetzwerk: (meine Prozentangaben, die folgen, sind völlig subjektiv und geschätzt, ich könnte versuchen, das genauer auszurechnen, damit wäre ich aber Wochen beschäftigt… ich kann zwar ein bisschen overpass, aber das ist mir dann doch zu heavy… zumal ich es mit meinen Routenfotos manuell abgleichen müßte)

Benannte Routen werden in Routenrelationen erfaßt. Das sind gefühlt für die Regionen, in denen ich geradelt bin, ca. 60-70% der Kilometer des offiziellen Netzwerkes, die hiermit abgedeckt werden. Schätzungsweise laufen jedoch ca. 10-20 % der route=bicycle Relationen nicht auf dem offiziellen Radverkehrsnetz, on the ground sind es noch etwas mehr, da viele der privaten Radsportrouten zwar mit Aufklebern markiert sind, aber i.d.R. nicht gemappt. Unklar ist, wie man die Unterschiede erfassen kann.

Abschnitte, die ein Knotenpunkt(unter)netzwerk bilden, werden entsprechend den aus den Niederlanden etablierten Regeln gemappt. In den Niederlanden scheint aber die Ausdifferenzierung des nummerierten Knotenpunktnetzwerkes anders zu sein, als in Deutschland. Einerseits gibt es in Deutschland keine sichtbare Zuordnung zu den Regionen auf den Wegweisern. Andererseits scheinen in den Niederlanden Themenrouten weitgehend über das Knotenpunktnetzwerk geführt zu werden. In Deutschland sind dies zwei Paar Schuhe. Themenrouten verlassen oft die Knotenpunktrouten. Die Knotenpunktrouten werden durch das Tag network:type=node_network gekennzeichnet.

Wegeabschnitte des offiziellen Netzwerkes, über die keine Themenroute laufen, werden ebenfalls erfaßt. Weitgehend etabliert sich, dass lineare, unverzweigte Wegabschnitte in eigene Routenrelationen genommen werden, und diese in eine größere Netzwerk-Sammelrelation, z.B. eines Landkreises, aufgenommen werden. Das Tag network:type=basic_network breitet sich zur Kenntlichmachung der Zugehörigkeit zum offiziellen Netzwerk aus. Die Praxis, die Wege unsortiert in einer Sammelrelation zusammenzufassen, oder überhaupt nur über die Wege zu taggen, hat dazu geführt, dass vor über 10 Jahren zwar viel erfaßt worden ist, aber Korrekturen und Änderungen kaum noch eingearbeitet wurden, da nicht mehr erkennbar war, welche Netzabschnitte validiert sind, und welche nicht.

Zusammengefaßt bekäme man also das offizielle Netzwerk als Vereinigung sämtlicher Routen mit network:type=basic_network, network:type=node_network + die passenden Abschnitte der Themenrouten erfaßt.

Problematisch ist, dass über die Themenrouten Wege mit erfaßt werden, die nicht der offiziellen Wegweisung folgen. Ggf. könnte man eine Themenroute, die komplett im Netzwerk läuft, entsprechend markieren. Ich selbst habe für die übrigen Themenrouten, die nicht konsequent im Netzwerk laufen, keine andere Lösung gefunden, als auch die Routenabschnitte des offiziellen Radnetzes, über diese Themenrouten laufen, im Netzwerk - ebenfalls in Routenrelationen - zu erfassen.

Zum Abschluss noch ein paar subjektive Sätze zum: “Warum überhaupt?”, weil das auch immer wieder in Frage gestellt wird…

Ich fahre selbst gerne in der Freizeit Fahrrad und nutze das Fahrrad auch für relativ lange Strecken, um von A nach B zu kommen. Hierfür habe ich die aktuelle Wegweisung grundsätzlich sehr schätzen gelernt, mit der ich mich einigermaßen darauf verlassen kann, dass ich auf dem Weg von A nach B nicht mal 20 km an einer Bundesstraße mit Abgas- und Lärmbelästigung radeln muß (was passiert, wenn ich einen Routenvorschlag über die Routing-Apps annehme), sondern wo möglich auch etwas verkehrsferner geführt werde, ohne dass ich mir einen Weg mühsam aus Themenroutenabschnitten und unzuverlässig getaggten “highway=track” Wegen zusammenklauben muß, um dann doch über Privatgelände mit freilaufenden Hunden zu geraten, weil ein access=private Tag gefehlt hat.

Wenn man aber eine Route planen will und nicht auf gut Glück auf eine längere Strecke losfahren will, ist es schön, eine Karte zu haben, in der man sehen kann, ob es in der gewünschten Region solche Strecken überhaupt gibt, und ob man auf große Umwege geschickt wird.

Hier ergibt sich eine massive Lücke: Openstreetmap ist selbst zum Zeitpunkt 2018, wo ich angefangen habe, nach Waymarkedtrails zu radeln, die zuverlässigste Quelle für die Wege gewesen - selbst die offizielle Website des Landes NRW hat es nicht hinbekommen, ihre Wege korrekt darzustellen. Aber auch OSM war nicht vollständig und hatte einiges an falschen Wegen drin. Also habe ich begonnen, die Daten zu korrigieren, wo ich auf den Touren stecken geblieben bin.

Ich hoffe das erklärt ein wenig mein Verhalten und meine Praxis… Maxime ist meinerseits möglichst undestruktiv zu arbeiten, d.h. keine Informationsreduktion zu betreiben, in der plötzlich Daten weg sind, die jemandem aus bestimmten Gründen wichtig gewesen wären. Daher lasse ich z.B. Wege in Relationen, wo sie auch vorher gewesen sind, nur dann halt innerhalb einer verschachtelten Unterrelation. Ich bemühe mich auch darum, nicht ohne Diskussion oder Kommentar tags zu ändern oder zu löschen, wenn sie nicht offensichtlich unpassend sind. Da sehe ich z.B. eine große Schwierigkeit bei der Verwendung des cycle_network tags, das regional sehr unterschiedlich gehandhabt wird. Und genau dies war der Grund für die Verwendung des network:type=basic_network tags: Das kann ich hinzufügen, ohne dass es mit irgendwelchen anderen Daten kollidiert, ich mußte nichts umwidmen oder ändern. Dass es nun keine Möglichkeit gibt, basic_network und node_network gleichzeitig anzuwenden, habe ich nicht vorher realisiert, aber: für Deutschland gilt, dass alle node_network-Routen zum Grundnetzwerk gehören. Das sollte insofern kein inhaltliches Problem ergeben, und die Daten sind weiterhin noch logisch so klar auswertbar, dass sie automatisiert auch im großen Stil geändert werden könnten, wenn es ein anderes System zum Tagging geben sollte. (Obligate Lektüre hierzu: https://wiki.openstreetmap.org/wiki/Automated_Edits_code_of_conduct).

Ich bin gespannt auf Meinungen und Rückmeldungen.

Viele Grüße,

Sebastian (segubi)

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